Die Lateinschule
Im Westböhmen des 16. Jahrhundert existieren nur drei Lateinschulen: in Joachimsthal, Schlaggenwald (Horní Slavkov) und Eger (Cheb). Die 1516 in Joachimsthal gegründete Trivialschule lehrt Lesen, Schreiben und Rechnen. Unter der Führung von Rektor Stephan Roth entwickelt sie sich seit 1520 zu einer Lateinschule, die die Schüler auf ein Universitätsstudium vorbereitet. Sie wird von Rektoren geleitet. Es unterrichten der Kantor und zwei bis drei, manchmal auch mehr Lehrer. Sie kommen fast alle aus Sachsen. In den mehr als 100 Jahren ihres Bestehens hat die Schule 24 Rektoren und 25 Kantoren, Präzeptoren und Organisten, die sie mit der Zeit zu einem Zentrum des Humanismus und Luthertums machen.
Unterrichtet wird vor allem Latein. Die Schüler lernen die lateinischen Dichter im Original zu lesen, auf Latein zu sprechen und sogar Gedichte zu verfassen. Ältere Jungen lernen bereits Griechisch – an der Prager Universität wird erst 1540 ein Lehrstuhl für Griechisch eingerichtet! Die Schüler führen lateinische Komödien im Original auf, später auch griechische Tragödien. Seit 1532 wird auf Mathesius´ Betreiben der lutherische Katechismus unterrichtet. Weltliche Fächer fehlen im Lehrplan ebenso wie Deutsch. Diese Kenntnisse werden erst an den Universitäten erworben.
Der Schwerpunkt liegt auf moralischer Erziehung: Die Kinder werden oft zu guten Manieren, Disziplin, Ehrlichkeit und Gehorsam ermahnt. Sie sollen im Namen Gottes lernen, um später den Menschen zu dienen. Unter der Leitung des Kantors und Komponisten Nikolaus Herman wird täglich Vokal- sowie Instrumentalmusik gepflegt. Der Schülerchor singt bei fast jedem Gottesdienst in der Kirche. In der Liturgie spielt der Schulchor eine herausragende Rolle. Zweimal in der Woche ziehen die Schüler singendend durch die Stadt und sammeln mit dem Kantor Spenden. Dieser regelmäßige Gesang auf den Straßen dient auch der Verbreitung der Kirchenlieder und soll den Einwohnern seelischen Trost spenden. Große Bedeutung hat auch die Teilnahme des Schulchors an Beerdigungen, bei denen der Gesang der Schüler die Bindung der Gemeinde zum Verstorbenen zum Ausdruck bringt. Unverzichtbar ist die jährliche Teilnahme des Chores Mitte der Fastenzeit. Die Kinder Joachimsthals singen beim Zug durch die Straßen und vertreiben symbolisch den Papst aus der Stadt:
Nun treiben wir den Pabst heraus,
aus Christus Kirch unnd Gottes Haus,
darin er mördlich hat regirt,
unzelich viel Seelen verfürt.
An beinahe allen deutschen Universitäten finden sich Studenten aus Joachimsthal: in Wittenberg, Leipzig, Heidelberg, Tübingen, Erfurt, Altdorf, Ingolstadt, Straßburg und Dillingen. Von 1520 bis 1602 studieren 139 Joachimsthaler an der Universität Wittenberg. Fast ebenso hoch ist ihr Anteil zu jener Zeit in Leipzig. Prag hingegen ist für sie nicht verlockend. Humanismus wird dort kaum gelebt und deutschsprachige Studenten sind nicht willkommen.
Frauen in Joachimsthal
Neue Formen des religiösen Lebens bringen eine Verinnerlichung und Vertiefung der Vorstellung von Familie mit sich in deren Mittelpunkt das Ideal der Mutter steht. Frauen und Mädchen spielen eine besondere Rolle in der häuslichen Frömmigkeit. Sie lehren und bewahren den Glauben im Haushalt. Die Kirchenlieder lernen sie nicht einfach nur auswendig. Sie denken über sie nach, verinnerlichen, lesen und singen Gottes Wort. Sie erfreuen damit nicht nur sich selbst sondern auch ihre Nächsten. Sogar die Geistlichen sind vom Wirken der Joachimsthaler Frauen beeindruckt. Gerade der Erfolg des Luthertums bei den Frauen hilft, die Reformation in der Stadt zu verankern.
Die Frauen wissen sich durchsetzen. So führt Barbara Uthmann, Gemahlin eines reichen Bergbauunternehmers aus Annaberg, um 1561 die Spitzenklöppelei ein. Dieses Handwerk, zuvor von Frauen und Kindern nur im Nebenerwerb ausgeübt, wird zur rechten Zeit eine bedeutende und einträgliche Einnahmequelle.
1529 eröffnet eine Mädchenschule. Zu Zeiten Nikolaus Hermans leitet Katharina Held diese Schule, um 1584 Agnes Prager. Jene Ideale, die bereits die Lateinschule belebt hatten, gelten nun auch für die Mädchenschule. Zwar unterrichtet man den Mädchen kein Latein, wohl aber Katechismus und Heilige Schrift. Herman komponiert für sie deutsche Kirchenlieder, die die Grundsätze sowie die sozialen und politischen Ideale Luthers widerspiegeln.
Der zunehmende Wohlstand und Luthers Lehre von der Erlösung durch Glauben, nicht durch gute Taten bringt eine Zügellosigkeit mit sich, über die man sich in Joachimsthal ebenso empört wie in Deutschland. Mathesius muss erleben, wie sich auch Frauen der Trunksucht hingeben: „Auch die Weiber halten ihre Bierorten und machen leer Geschirr, kugeln auf dem Tisch wie die Bauernweiber. Jungfrauen wollen nicht weiter nippen und lippen, sondern lernen nun auch saufen, schlingen und singen.“ An anderer Stelle beklagt er, dass sie zusammen Bier trinken, sich gerne amüsieren, spazieren gehen, das warme Bad (gemeint ist Karlsbad) besuchen und dabei die armen Männer zu Hause lassen. Auch kommt es vor, dass sie Karten spielen und in ausgelassener Stimmung ihre Füße in Wein waschen. Er wirft ihnen vor „daß sie lieber zum Tanz als zur Predigt, nachts in die Mummereien laufen und ohne Laternen und ohne die Mutter mit den jungen Gesellen heimgehen; daß sie gern ins Warmbad spazieren und dabei ihr Kränzlein verzetteln.“