Přeskočit na obsah

Muzeum Karlovy Vary

Geistliches und Gesellschaftliches Leben in Joachimsthal

Geistliches Leben in Joachimsthal

In der gesamten Frühgeschichte Joachimsthals zeigt sich ein deutlicher Einfluss des Luthertums und geistlicher Musik. Die Lehren Luthers und ihre musikalischen Ausdrucksformen werden den Bewohnern der Stadt vor allem durch den Komponisten Nikolaus Herman und den Kantor und späteren Pfarrer Johann Mathesius nahegebracht. Musik spielt eine wesentliche Rolle im Religionsunterricht. Da der lateinische Kirchengesang die deutschsprachige Gemeinde jedoch nicht zu fesseln vermag, singen die Chöre auch auf Deutsch. Die Kirche bleibt das Zentrum der geistlichen Musik. In den Gottesdiensten vereinen sich drei Einflüsse: die Kultur der Lateinschule, Überreste der Volksreligion und lutherische Kirchenlieder. Auch der Erfolg der Reformation ist in Joachimsthal auf die Musik zurückzuführen. Die Bevölkerung unterschiedlicher Herkunft nimmt die lutherische Botschaft besonders durch ihre Musik an. Man singt nicht nur in der Kirche, sondern auch auf den Straßen und zu Hause. Die lutherischen Laien singen Kirchenlieder mit einer Inbrunst, die selbst ihre Pfarrer überrascht.

Die Musik blüht in allen Schichten der Stadtgesellschaft. Ihre Bürger sind nicht nur Förderer der Musik, oft werden sie selbst zu hervorragenden Amateurmusikern. Geige- und Dudelsackspieler treten in Gaststätten, auf Hochzeiten, bei Schützenfesten und Tanzveranstaltungen auf. Bergleute und Handwerker singen zu Hause, bei der Arbeit und bei Festen Bergmannsweisen und Volkslieder verschiedener Genres, aber auch derbe, anzügliche, genussfreudige Lieder und beliebte Melodien. Diese weltliche Musik wird von den lutherischen Geistlichen nicht bekämpft sondern gelobt und gefördert. Im Gegenzug beeinflusst die Beliebtheit lutherischer Kirchenlieder die weltliche Musik. Die frommen Lieder des Joachimsthaler Kantors Nikolaus Herman werden gar zur Hausmusik in christlichen Haushalten. Lateinschüler unter der Leitung ihrer Lehrer wiederum singen vor den Häusern von Patriziern, Bürgern und Bergleuten und werden dafür von den Liebhabern dieser Lieder zu gern entlohnt. So wird Joachimsthal zur Mitte des 16. Jahrhunderts im protestantischen Deutschland bekannt für seine Treue zum evangelischen Glauben, aber auch für seine Musikalität.


Gesellschaftliches Leben in Joachimsthal

Die Stadt des Gesangs und des Bieres – so ließe sich Joachimsthal in der Mitte des 16. Jahrhunderts in wenigen Worten beschreiben. Bergleute und andere Arbeiter suchen, ebenso wie Ortfremde, nach hartem Tagwerk Zerstreuung in Gasthäusern und Bierstuben. Mit regelrechter Sehnsucht nach Licht stürzen sie sich begierig in die Freuden des Lebens, zumal es ihnen an den Mitteln dazu nicht mangelt. Die Folgen sind jedoch Alkoholismus und Schlägereien. Oft werden auch gepanschte Getränke ausgeschenkt, so dass der Stadtrat Ausschankregeln einführen muss. Die Öffnungszeiten werden auf 13 bis 20 Uhr festgelegt. Bei Nichteinhaltung drohen Geldstrafen für den Wirt und körperliche Züchtigung für die Gäste. Für das Sitzen im Gasthaus wird eine Gebühr erhoben, ebenso für alle Spiele – Würfeln ebenso wie Kartenspielen. Ein Besuch im Gasthaus darf maximal fünf Halbe, eine sogenannte Örte, umfassen. Schenkt der Wirt einem Gast mehr als solch ein Fünfer-Bier aus und wirft die Gäste nicht zur Sperrstunde raus, droht ihm eine Geldstrafe. Diese Regel hat zur Folge, dass rebellische Trinker von einer zur nächsten Kneipe für die nächste Örte ziehen. Zu noch mehr Konsum führt das gegenseitige Anstoßen aufeinander. Es zieht nämlich jedes Mal einen Schnaps nach sich. So entstehen ganze Trinkerturniere. Traurige Berühmtheit erlangte einer dieser Trinkwettbewerbe im Lied Joachimsthaler Turnier eines unbekannten Autors: Vier Helden – ein Weinschlauch, ein leeres Glas, ein Trinker und ein Vielfraß – veranstalten ein Trinkgelage, das bis in die Morgenstunden andauert:

„…wer wohl fressen und saufen kann,
den preist man vor ein Helden.
Kein kleinen Trunk man do nicht sicht,
man will ihn auch nicht haben.“

Im Rathauskeller schenkt man Freiberger Bier aus. Andere Lokale offerieren Bier aus Schlackenwerth (Ostrov n. O.) oder Lichtenstadt (Hroznětín). Fünf Brauereien liefern nach Joachimsthal. Laut Mathesius werden auch 20 Sorten Wein angeboten. Qualität und Preise beider Getränke unterstehen städtischer Kontrolle. Die Joachimsthaler lieben Feste und Umzüge ebenso wie Hochzeiten und Tanzveranstaltungen. Sie erfreuen sich an Gesang und derben Witzen, an gutem Essen und Trinken, an schönen Kleidern und Schmuck, kurz an Unterhaltung jeder Art. Diese Lebensweise teilen alle, vom reichen Kaufmann zum einfachen Bergarbeiter. Man trinkt auf Hochzeiten, Taufen, Schützen- und Kirchenfesten, stößt an auf Wochen- und Sonntage, bei Tag und bei Nacht. Mathesius prangert in seinen Predigten die Trunksucht wiederholt und vergeblich an.